The Sound of Silence
Die Menschen nennen mich vielleicht einen Outlaw, einen Gesetzlosen. Vielleicht vergessen sie dabei, dass auch ich nach Regeln gelebt habe – nach den Regeln der Allgemeinheit und nach weiteren Regeln, die für mich ebenso verbindlich waren, die viele Menschen jedoch kaum verstehen könnten, geschweige denn ertragen.
Mein Leben ist nie geradlinig verlaufen. Ich bin aber immer meinen eigenen Weg gegangen, habe Entscheidungen getroffen und Erfahrungen gemacht, die mich zu dem Menschen werden ließen, der ich heute bin. Vieles an mir entspricht sicher nicht den Vorstellungen einer Gesellschaft, die ihre eigenen Maßstäbe dafür setzt, was richtig, falsch, akzeptabel oder verwerflich ist. Doch wer nur auf das schaut, was nicht in dieses Bild passt, übersieht leicht den Menschen dahinter.
Ich habe feste Überzeugungen, und ich stehe zu ihnen. Liegt mir jemand am Herzen, kenne ich kaum Grenzen. Ich würde alles für diesen Menschen tun. Loyalität ist für mich keine Frage der Gelegenheit, Ehrlichkeit kein Mittel zum Zweck und Treue kein Versprechen, das nur so lange gilt, wie es mir selbst nützt. Mein Wort hat deshalb Gewicht. Auch dann, wenn es mich viel kostet. Vielleicht gerade dann.
Ich bin selbstbewusst genug, meinen Weg zu vertreten und die Verantwortung für mein Leben zu tragen. Mir ist bewusst, dass das für andere nicht immer leicht ist und längst nicht jede meiner Entscheidungen auf Verständnis stößt. Aber ich bin es, der mit ihnen leben muss – mit allen Konsequenzen.
Denn ich bin auch Familienvater und liebe meine Kinder. Und wenn Menschen, die mir nahestehen, mich brauchen, bin ich da. Ob Familie oder Freunde – ich lasse jemanden, der mir wichtig ist, nicht allein, nur weil es für mich bequemer wäre. Aber immer auf meine Art. Es gibt Bindungen, die für mich mehr zählen als der eigene Vorteil. An ihnen halte ich fest, auch wenn der Weg dadurch nicht leichter wird.
Und doch bin ich ein Ruheloser. Vielleicht gibt es in mir einen Teil, der niemals ganz zur Ruhe kommt. Einen Teil, der weiterzieht, zurückblickt, sich erinnert und mit dem ringt, was war. Manchmal fühle ich mich wie ein Gefangener – nicht nur im physischen Sinn, sondern auch in mir selbst. Denn nicht alles, was einen Menschen festhält, ist von außen sichtbar. Manche Grenzen trägt man tief in sich. Manche Erfahrungen lassen einen niemals los, selbst wenn die Zeit längst vergangen ist.
Ich lebe in einer eigenen Welt. Sie ist für andere Menschen oft nur schwer zugänglich und kaum zu verstehen. Vielleicht lässt sich nicht alles, was mich ausmacht, erklären. Vielleicht muss es das auch gar nicht. Aber urteile nicht vorschnell über mich, ohne genauer hinzusehen.
„Ich sehe in meinen Fotos, dass ich parallel mehrere Leben gelebt habe.“
Wenn ich meine Bilder betrachte, sehe ich meine Narben. Jede hat ihre Geschichte. Ich sehe die Bilder auf meiner Haut, von denen jedes bedeutungsvoll ist. Sie sind Spuren eines Lebens, das sich nicht in einer einzigen Geschichte erzählen lässt.
Manche Fotos zeigen einen Menschen, den ich fast vergessen habe, und doch erkenne ich, dass er noch immer in mir lebt. All diese Leben liegen nebeneinander, übereinander. Sie erzählen von dem, was mich geprägt und verändert hat und mich schließlich bis hierher, vor die Kamera, geführt hat.
„Ich sehe auch, dass ich alt geworden bin.“
Ich spüre, wie viel Zeit vergangen ist und wie viel Leben in ihr Platz gefunden hat. Meine Bilder halten Erinnerungen fest, während die Zeit längst weitergegangen ist. Sie zeigen, was geblieben ist und was sich nicht einfach abstreifen lässt.
Ich bin das Ergebnis meiner Erfahrungen. Meiner Entscheidungen und Begegnungen. Meiner Bindungen und der Wege, die ich gegangen bin. Darin unterscheide ich mich nicht grundsätzlich von anderen Menschen. Jeder trägt seine eigene Geschichte mit sich, jeder ist von etwas geprägt, das Außenstehenden verborgen bleibt. Ganz gleich, wer jemand ist oder wo auf dieser Welt er lebt.
Vielleicht liegt darin der größte Widerspruch: Ich kann für andere ein Fremder sein. Jemand, dessen Leben und Entscheidungen sie nicht verstehen. Jemand, der vielleicht sogar beängstigend auf sie wirkt. Und doch bin ich, wie jeder andere Mensch auch, das geworden, was das Leben aus mir gemacht hat.
Meine Bilder erzählen einen Teil dieser Geschichte. Sie können nicht alles zeigen und nicht jede Frage beantworten. Sie können auch nicht jeden Widerspruch erklären.
Manches wird sichtbar. Manches wird verstanden. Und manches bleibt für immer verborgen.
Im Sound of Silence.